© MARTIN PATZELT (MDB)

Neuigkeiten

17.02.2017, 13:07 Uhr

Wie werden Wölfe zu Wölfen?

 

Am Donnerstag (16.2.2017) habe ich im Bundestag zum Antrag „Bundesweite Präventionsstrategie gegen den gewaltbereiten Islamismus“ von Bündnis 90/Grüne gesprochen. Aus Zeitgründen konnte ich nicht meine ganze Rede halten. Hier folgt nun der zweite Teil:
 
Die Bekämpfung von gewaltbereitem Islamismus kann ohne staatliche Repression nicht auskommen. Die Aufklärung und Begleitung von insbesondere jungen Menschen durch spezifische, von der Bundesregierung geförderte Programme wie „Demokratie leben!“ (die übrigens im Haushalt 2017 um über hundert Prozent erhöht wurden) u.a. sind unverzichtbar. Dennoch setzt die mögliche und notwendige Prävention hier entscheidend  zu spät an. 
 
Ich habe vor kurzem eine Ausstellung mit dem Titel „Die Wölfe sind zurück… was nun?“ besucht. Es handelt sich dabei um eine Ausstellung des Künstlers Rainer Opolka (aus meinem Wahlkreis) gegen Hass und Gewalt, die in mehreren Großstädten Deutschlands gezeigt wurde. 
 
Der Gedanke, der mich in diesem Zusammenhang und eigentlich schon seit geraumer Zeit bewegt, ist, das sogenannte „Wölfe nicht als Wölfe geboren werden“, sondern dass diese Kinder aus zumeist in Liebe verbundenen Partnerschaften sind, sozialisiert in unseren Kitas und unseren Schulen. 
 
Ich möchte hier drei nach meiner Meinung wichtige Ansatzpunkte dringend erforderlicher Intervention aufzeigen.
 
1. Empathie
 
Der erste und wichtigste Punkt ist die Ausbildung von Empathie, die bislang in allen Betrachtungen ungenügend Beachtung gefunden hat, die aber wesentliche Grundlage für die Ausbildung von Toleranz und gelingender Kommunikation ist. 
 
Der Pädagoge Burghard Gassner zitiert in seinem Buch „Empathie in der Pädagogik: Theorien, Implikationen, Bedeutung, Umsetzung“ Langzeituntersuchungen, die belegen, „wie eine lang andauernde fehlende oder versagende emotionale Zuwendung durch eine Bezugsperson gegenüber einem Kind zu schweren irreversiblen physischen und psychischen Folgeschäden, zu einer mangelnden Sozialfähigkeit und einem Verlust der Empathiefähigkeit geführt haben.“
 
Gassner verweist auf eine weitere Studie, in der die Autoren darauf aufmerksam machen, „dass jene Kinder, die Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung oder unangenehmes elterliches Verhalten aufgrund mütterlicher Depression oder Hilflosigkeit erfahren haben, immer ein besonders geringes Bindungssicherheitsgefühl gezeigt hätten, wodurch die Sozialfähigkeit dieser Kinder erheblich beeinträchtigt worden sei. Sie folgern daraus, dass jene Kinderkeine Fähigkeit zur emotionalen Regulation entwickeln haben können.“
 
Fallbeispiel: Denis Cusbert
 
Ein Beispiel für mangelnde Empathie ist der ehemaliger Rapper und heutige IS-Terrorist Denis Cusbert aus Berlin. Er wuchs praktisch ohne Vater auf. Sein aus Ghana stammender leiblicher Vater  wurde abgeschoben, bevor Cuspert geboren war. Sein Stiefvater, mit dem es immer wieder zu Konflikten kam, war ein Angehöriger der US-Armee. Als Jugendlicher schloss er sich einer Gang an und verkehrte in kriminellen Milieus. Er war mehrfach im Gefängnis, u.a. wegen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Sein Versuch, mit einer Plattenfirma Geld zu verdienen, scheiterte. Wo er sich derzeit aufhält  ist unbekannt. Immer wieder gibt es Berichte, er sei in Syrien getötet worden, die dann wieder dementiert werden. 
 
Dieses Fallbeispiel lässt exemplarisch erkennen, wie emotionales Mangelmilieu, Fehlen verlässlicher emotionaler und wertbildender Beziehung die Anfälligkeit für radikale Ideologien respektive Gruppen wesentlich erhöht.
 
2. Mit einem zweiten Fallbeispiel möchte ich auf mehrfach beschriebene Biographien von jungen Islamisten aufmerksam machen, die auf der Suche nach Sinn und Bedeutung ihres Lebens in die Fänge von religiösen Hasspredigern kamen.
 
In einem ARD-Fernsehbericht von 2014 beschreibt eine Mutter ihren Sohn als netten sympathischen jungen Mann. In der Schule hat er sich mit Gleichaltrigen schwer getan, bis er Freunde unter ausländischen Jugendlichen fand und zum Islam konvertierte. Die Mutter ist hilflos, aber versichert ihrem Sohn, weiter zu ihm zu halten. Der Sohn lebt nach wie vor bei den Eltern, aber die wissen wenig über sein aktuelles Leben.
 
Junge Männer und Frauen verführte solche Entwicklung bzw. das Fehlen sinnstiftender Erfahrungen mit Menschen nicht nur zu Links- und Rechtsextremismus, sondern auch zum Salafismus. Bewusst oder unbewusst suchen sie nach Sinn für ihr Leben, der über Konsum und Spaß hinaus ihrem individuellen Leben Bedeutung gibt.
 
Die beiden Beispiele belegen für mich anschaulich, wie Sozialisationsdefizite die Entwicklung von Menschen zu Extremisten verursachen oder begünstigen.
 
3. Rolle und Bedeutung der muslimischen Mütter 
 
Ein drittes Phänomen aus der islamischen Sozialisation möchte ich noch hin zufügen. In ihrem Buch „Die Macht der muslimischen Mütter und der Toleranzwahn der Deutschen“ macht die Islamkritikerin Zana Ramadani die islamischen Mütter für das Pascha-Gehabe ihrer Söhne verantwortlich. Danach wird das Frauenbild dieser jungen Männer, das wir in seiner erschreckendsten Form in der Silvesternacht in Köln vor einem Jahr erlebt haben, so in der gesamten islamischen Welt gelebt. Muslimische Männer werden mit einem höchst verächtlichen Frauenbild großgezogen. Die Erziehung ist fast ausschließlich Sache der Frauen, also der Mütter, die ihre Söhne genau zu diesem Herrschaftsanspruch über Frauen erziehen, der nicht von ungefähr zu allgemeiner Gewalt sowie zu repressivem und schließlich extremistischem Verhalten mutiert.
 
Es ist an der Zeit, dass wir begreifen, dass solche Sozialisation nichts mit dem Islam zu tun hat. Wir müssen Frauen informieren, und in ihrer Rolle stärken für den Umgang mit Männern.
Das bedeutet, dass nicht zuletzt, das wir im Interesse von Menschenrechten auch kritisch dem Islam  als solchen gegenstehen müssen, wenn sich aus ihm Gewalt generiert.
 
Ich bezweifle allerdings, dass allein Repressionen in der Bewusstseinsentwicklung von Menschen die erwünschten Wirkungen erzielen. Hilfreich sind in erster Linie lebendige Kontakte von Mensch zu Mensch, gegenseitiger Austausch, überzeugendes Vorleben unserer demokratischen Werte und des respektvollen Miteinander. Damit schaffen wir Anreize für ein „besseres Leben“. Diesem Bemühen  müssen wir uns besonders im Integrationsprozess widmen. Sie ist eine gesamtgesellschaftliche und unerlässliche Aufgabe, die obendrein unsere eigene Entwicklung fördern kann.
 

© MARTIN PATZELT (MDB) | IMPRESSUM | DATENSCHUTZ