© MARTIN PATZELT (MDB)

Neuigkeiten

28.10.2019, 09:50 Uhr

Strukturelle Hilfe für 30 Millionen Ehrenamtler

 

Rede zur 1. Beratung des Gesetzes zur Errichtung der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt am 25.10.2019 im Deutschen Bundestag:
 
Der Entwurf wird in erster Lesung vorgelegt. Er erfuhr schon in der Entstehungsphase erstaunliche Wandlungsprozesse. Wir sind überzeugt: Wir wollen und müssen mehr für das Ehrenamt und für bürgerschaftliches Engagement tun. Über verbale Wertschätzung, Auszeichnungen, Urkunden hinaus erwarten Millionen Ehrenamtler keine Lippenbekenntnisse, sondern faktische Unterstützung für ihre Arbeit, insbesondere an den Stellen, wo sie sich behindert, gegängelt oder allein gelassen fühlen. 
 
Wie aber kann man wirksam und nachhaltig helfen? Die Fülle von Förderungen, Maßnahmen, Bestimmungen, Organisationsformen schafft Verwirrung. Wachsende bürokratische Barrieren wirken hemmend und demotivierend. Unterschiedliche Akteure wie Bund, Länder und Stiftung wissen oft nichts vom Engagement des Anderen für das Ehrenamt. Nötig ist eine Institution, die dies in der Gesamtheit betrachtet, sortiert, bewertet und vor allem transparent macht. (siehe Ehrenamtsnachweis) Dies brauchen Förderer wie Geförderte gleichermaßen. 
 
Genauso müssen die Problemlagen und Bedarfe der Ehrenamtler und Engagierten, die sich nun schon jahrelang öffentlich, aber auch in diesem Hause durch Stellungnahmen und Anhörungen weitgehend ergebnislos bemüht haben, Gehör finden. Die Stiftung sammelt, strukturiert und trägt es nachdrücklich an die Entscheider heran. 
 
Die Stiftung soll durch Unterstützung bei der Digitalisierung Ehrenamt und Engagement optimieren helfen. Die Stiftung hat nach Haushaltslage und potentiellen Zustiftungen von Privatleuten, aus der Wirtschaft, aus den Ländern finanzielle Mittel für die Finanzierung von Weiterbildung, Vernetzung und Förderung kleinerer Projekte. 
 
Und schließlich kann die Stiftung Ehrenamtler und Engagierte in dem schwer durchdringbaren Dschungel von Förderangeboten und komplizierter Antragstellung, rechtlichen Bestimmungen wie Datenschutz, Versicherungsschutz und Steuerrecht Unterstützung leisten. Bundesnetzwerke berichten uns, dass die Beschäftigung mit diesen Problemen mitunter über 50 Prozent ihrer freiwilligen unbezahlten Zeit kostet und zu Lasten ihrer inhaltlichen Arbeit geht, nur „um den Laden am Laufen zu halten“. 
 
Bestehende Unsicherheiten und Ängste sind Motivationskiller und bremsen das Engagement. Im Koalitionsvertrag wurde verabredet, Ehrenamt und freiwilliges Engagement spürbar zu unterstützen. Wir wollen nun mit einer öffentlichen Ehrenamtsstiftung dieses Problem sachlich und fachlich aufgreifen.
  
Wir wollen ohne Zugangsbarrieren allen Ehrenamtlern und freiwillig Engagierten durch Information konkrete, auch individuelle Beratung und Unterstützung bei der Klärung rechtlicher und praktischer Probleme geben.
 
In diesem Sinne soll die Stiftung auch eine Art „Callcenter“ für Ehrenamtliche werden. Diese Stiftung soll gerade keine Doppelstrukturen und Angebote aufbauen, sondern in die „schwarzen Löcher“ gehen, wo Bedarfe bestehen, die nicht durch Dritte befriedigt werden. Im Gegenteil, die Stiftung soll sich mit allen Institutionen und Instrumenten vernetzen, die bereits aktiv sind. So kann in unserem Land tatsächlich ein flächendeckendes Netzwerk entwickelt werden. 
 
Mit dieser Konzeption soll die Stiftung uns gerade dort Unterstützung geben, wo nicht erfahrene  Trägerorganisationen tätig sind. Dort, wo kleine, regionale, verstreute und in Rechtsfragen und Verwaltung unerfahrene und ängstliche Engagierte und Ehrenamtler solche Hilfe brauchen. Zu Recht wird diese Stiftung den Anspruch erfüllen müssen, gleichwertige Lebensverhältnisse in unserem Land für das Ehrenamt und durch das Ehrenamt zu entwickeln. 
 
Der erste Regierungsentwurf hat in den letzten Wochen eine wesentliche Metamorphose erlebt, bevor er uns in dieser Fassung vorliegt. Die Stiftung als solche und ihre Ausgestaltung war und ist in der Fachöffentlichkeit und bei potentiellen Partnern nicht unumstritten. Wir wecken mit diesem Angebot große Erwartungen bei allen Freiwilligen. 
 
Wir MdB vertrauen darauf, dass die Zusage der Regierung gilt, dass die Finanzierung der Stiftung nicht zu Lasten der Freiwilligenprogramme (BFD, Bufdis, Menschen stärken Menschen) geht, sondern eine zusätzliche Finanzierung erfährt. Alles andere wäre nicht vermittelbar. Die Stiftung selbst wird mit ihrer Arbeit beweisen müssen, dass das Vertrauen in ihre hilfreiche Arbeit und die finanziellen Mittel von 30 Millionen im Jahr keine Fehlinvestition waren. Geben wir ihr diese Chance. 
 

© MARTIN PATZELT (MDB) | IMPRESSUM | DATENSCHUTZ | KONTAKT